Doomscrolling: 5 Tipps, wie du exzessives Scrollen reduzieren kannst

Warum scrollen wir eigentlich manchmal bis mitten in der Nacht? Und warum üben schlechte Nachrichten und News-Ticker einen solchen Sog auf uns aus? Was der "infinite scroll" mit uns macht. Und was wir tun können, um ihn auszuhebeln.


Wir kennen diese Momente: Wenn wir doch eigentlich nur ein paar Minuten was checken wollen, eine Nachricht beantworten, kurz mal was posten.


Und dann ist wieder eine halbe Stunde rum. Wir fallen dann irgendwie in dieses Kaninchenloch des Internets und hören nicht mehr auf. Scrollen und scrollen weiter.


Auch bei News.


Manchmal, gerade in Zeiten, als die Corona-Krise ihre verschiedenen Höhepunkte erreichte, scrollten wir bis in die Nacht. Hier eine Meldung, dort ein Ticker, dann noch die Presskonferenzen, dann weiter, Spiegel Online, Tagesanzeiger, NZZ.


Wir verwachsen mit den Schreckensnachrichten dieser Welt, und finden irgendwie eine Faszination darin, noch tiefer in das Drama einzutauchen. Zur Freude der Newsunternehmen, die es mit dem Tiefgang ab und an nicht so genau nehmen und uns mit Klickbaiting bei der Stange halten wollen.


Dieses Verhalten hat einen Namen: doomscrolling. Ein Wort, das 2018 auf Twitter auftauchte und sich aus den Wörtern "doom" (Untergang) und "scrolling" (Bildschirm scrollen) zusammensetzt.

Doomscrolling oder Doomsurfing ist der Vorgang, bei dem übermässig viel Bildschirmzeit für die Aufnahme negativer Nachrichten verwendet wird. Der vermehrte Konsum überwiegend negativer Nachrichten kann bei einigen zu schädlichen psychophysiologischen Reaktionen führen. (Wikipedia)

Das endlose Scrollen gibt es als Begriff übrigens auch. Auf Englisch nennt sich der Mechanismus, dass eine Seite nicht endet - sich also quasi endlos weiterscrollen lässt, "infinite scroll". Erfunden wurde dieses Höllenteil vom Wunderkind Aza Raskin. Der sich übrigens ein paar Jahre danach für seine Erfindung entschuldigte. Und selbst ausrechnete: Die Funktion "infinite scroll" kostet täglich umgerechnet, wenn du dir die Zeit anschaust, 200.000 menschliche Lebensspannen.


Im Grunde erspart der Mechanismus mühsames Klicken und Suchen, wenn du grundsätzlich einfach mal ein bisschen schauen willst, was die Welt so bietet. Doch rasch wird aus dem Mechanismus eine Art Fangnetz, weil du beispielsweise beim infinite scroll bei Galaxus immer mehr ins Dilemma kommst, dass du nicht entscheiden kannst, was du eigentlich kaufen willst - oder du verplemperst auf Social Media unnötig Zeit, weil du dir denkst, nur noch die Seite zu Ende lesen, nur noch ein Post, dann schalte ich ab.


Doch der infinite scroll ist eben genau das: Unendlich. Unternehmen und Entwickler profitieren davon, dass du das Bedürfnis danach hast, etwas zu Ende zu bringen. Achte dich mal darauf, wo dir der "infinite scroll" überall begegnet. Dieses "endlose Scrollen" haben mittlerweile auch andere Unternehmen im Einsatz, die uns dazu verleiten wollen, länger auf ihrer Seite zu bleiben und beispielsweise mehr zu kaufen. Ein solches Beispiel ist die neue Shopping-Seite von Zara.


Es ist deshalb gut, wenn du achtsamer darin wirst, zu merken, wann du automatisch weiterscrollst und weiterswipest, obwohl du "nur mal kurz" was schauen wolltest. Und ein paar Massnahmen ergreifst, die dir helfen, dass exzessive Scrollen zu reduzieren.


Nachfolgend ein paar Tipps, um das exzessive Scrollen in den Griff zu kriegen:


1. Setze dir einen Timer.

Möchtest du im Internet surfen und weisst du schon, dass diese Seite infinite scroll benutzt, beispielsweise Instagram, kann es helfen, dir einen Timer zu setzen. So kannst du entspannt surfen, hast die Zeit aber im Blick. Ich liebe meinen Timer. So weiss ich genau, wie viel Zeit für mein Scrolling draufgeht, habe ein weniger schlechtes Gewissen und kann bei jedem Wecker-Alarm neu entscheiden, ob ich wirklich noch mehr Zeit brauche - und wie viel.


2. Überlege dir, was du auf dieser Seite eigentlich willst, BEVOR du online gehst.

Es ist das Gleiche wie mit dem Einkauf im Supermarkt: Gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Welchen Stift brauche ich? Welche Nachhaltigkeitskriterien wende ich an? Welches Material, welche Farbe soll das Produkt haben? So kannst du spezifische Suchbegriffe eingeben und machst dich nicht verrückt. Mehr zum Paradox of Choice in einem separaten Blogartikel.


3. Reflektiere deinen Medienkonsum.

Was gibt dir den Kick? Warum musst du ständig wissen, was auf der Welt passiert? Und: Welche Quellen nutzt du dafür? Information ist super, aber am Besten und nachhaltigsten holst du dir ein Print- oder Online-Abo einer verlässlichen, journalistischen Quelle, welche die Geschehnisse nicht nur aufbauscht, sondern auch einordnet. Solche Quellen können beispielsweise Zeit Online sein, die Republik oder der Guardian.


4. Informiere dich gebündelt.

Es macht für dein System einen Unterschied, ob du krasse News alle paar Stunden reinziehst oder nervös an der Bushaltestelle, oder, ob du dir morgens oder abends gebündelt Zeit rausnimmst, um in ein Thema einzutauchen. Eine gute Option für gebündelte Information sind beispielsweise Morgen- oder Abendbriefings der Redaktion deines Vertrauens, die du per Newsletter abonnieren kannst.


5. Richte deinen Blick auch mal aufs Positive.

Das heisst nicht, dass du News und Information ganz den Rücken kehren musst. Im Gegenteil. Aber achte darauf, wie Medienunternehmen auswählen. Und wie viel Bad News du gerade verträgst, ohne psychisch aus dem Gleichgewicht zu geraten. Im Journalismus gibt es eine Strömung, die sich "constructive journalism" nennt - und die versucht, das Gute, das Konstruktive und das Zukunftsweisende in der Katastrophe zu finden. Such' dir also auch glaubwürdige Quellen, die über Fortschritt berichten. Und Lösungen.